Mein erster Tag in… Indien

Ich wollte eigentlich nie nach Indien reisen. Zu viele kritische Aspekte wie Hitze, Menschenmassen, Gestank und Armut hatte ich in all den Jahren im Reisebüro gehört und gelesen. Und fast schon als Entschuldigung wurde dann immer dieses magische Wort hinzugefügt: Gegensätzlich. Indien ist gegensätzlich. Jedes mal störte mich diese Aussage von neuem. Entweder man findet etwas toll oder nicht toll. Aber nicht beides. Oder was meinen die Leute nur bloss? Und dann eines Tages erklärte mir eine netter Herr: „Tobias, wenn du mal nach Indien reist, bereite dich nicht darauf vor. Indien wird sich auf dich vorbereiten.“

Das fand ich originell. Und herausfordernd. Also begann ich mit der Vorbereitung. Das wahre Indien sehen, Vorurteile abbauen, Klischees verstehen – so erklärte ich meine kommenden Ferien. Insgeheim dachte ich aber: Mitreden können, also urteilen und vor allem verurteilen.

Indien fängt natürlich schon sehr früh an. Nach einer Zwischenlandung auf der arabischen Halbinsel wird es lebhafter im Flugzeug. Jeder will auf meinem Platz sitzen. Der Herr vor mir telefoniert schamlos. Hinter mir schreit ein Geschäftsmann die Flugbegleiterin an: „You are service provider, you bring me my food now.“ Kein please, nichts. Die Engländerin neben mir, welche bislang in ihrem einschlägigen Reiseführer vertieft war, strahlt mich an. „It’s so different from home!“ Sie ist zum ersten Mal ausserhalb Europa, wie sie gesteht. Als das Flugzeug dann zur Landung in Delhi ansetzt, stehen bereits alle im Gang. Was mache ich bloss hier, denke ich mir.

“What are you doing in India, Sir?“
“Holidays, Ma’am.”
“Very good, you will enjoy it, Sir!”

Das Lächeln der jungen Dame an der Passkontrolle irritiert mich. Gleich bin ich in Indien, in der Menschenmasse, in der Hitze. Doch nur die Hitze ist da. In der Ankunftshalle herrscht gähnende Leere. Keine winkenden und kreischenden Menschenmassen. Nur ein freundliches „Welcome to India, Sir“ von meinem Transferfahrer. Die Fahrt zum Hotel ist angenehm, der Fahrer überfreundlich. Doch ich bin skeptisch, ich will sofort das richtige Delhi sehen. Die Entscheidung fällt auf Paharganj, Main Bazar, dort muss es sein.

Mein Tuk Tuk-Fahrer lässt mich am östlichen Ende des Main Bazar raus. „Go there, Sir, many shops, good food. You will like it.” Das Gewimmel der ohrenbetäubenden Tuk Tuks fasziniert mich, ich mache mein erstes Foto.

Mein erstes Foto

Dann laufe ich los. Eine Mischung von Kolonialarchitektur und sandsteinfarbenen Neubauten erwartet mich in Paharganj. Die Strassenränder sind gesäumt von Geschäften jeglicher Art. Ein emsiges Treiben herrscht, aber keine Hektik, keine Menschenmassen, kein Gestank. Die farbenprächtigen Gewürzstände leuchten mich an, ich bin begeistert von der Schönheit. Ein unwiderstehliche Duft von Curry liegt in der Luft. Ich geniesse die Ruhe, in der ich die verschiedenen Produkte ansehen kann ohne angeredet zu werden. Bei einem Getränkestand kaufe ich ein Glas frisch gepressten Orangensaft.

Ein kleiner Junge kommt auf mich zugelaufen. Instinktiv erwarte ich, dass er mich anbettelt. Doch er fragt nur: „Where are you from, Sir?“ Wir plaudern ein wenig, er kennt sogar den Fussballclub meiner Heimatstadt. Ich offeriere ihm einen Orangensaft. „Thank you, Sir, I am not thirsty.“ Ich bin etwas verwirrt und beschämt über meine Erwartungen. Und überrascht: Armut sehe ich nirgends, zumindest nicht mehr als in vergleichbaren Millionenstädten. Die Männer tragen westliche Kleidung, die meisten von ihnen sauber gebügelte Hemde, einige Frauen tragen farbenfrohe Saris. Touristen fallen sofort auf, speziell die erstaunlich zahlreichen Althippies, welche irgendwelche Stoffe um sich gebunden haben. Kein Inder läuft so herum.

Nach einer Stunde ist es mir zu warm. Unüblicherweise habe ich mich an die Empfehlungen in meinem Reiseführer gehalten, keine nackten Beine zu zeigen. Doch ich bin der einzige in langen Hose. Etwas beschämt, dass ich mich als weitgereister Touristiker von einem konservativen Reiseführer habe leiten lassen, will ich zurück ins Hotel.

Diesmal mit einem Fahrradrikscha. Auf einer leicht ansteigenden Strasse merke ich aber meinen Fehler: Ich bin zu schwer. Bei gefühlten 45 Grad  berfürchte ich plötztlich, dass mein Fahrer einen Kollaps erleidet. Wir kommen kaum noch voran, offensichtlich kann er nicht mehr, obwohl er es tapfer versucht. Ich steige ab und wir schieben gemeinsam das Fahrradrikscha den Hügel hinauf. Alle vorbeiziehenden Autos hupen, mein Fahrer lacht. Als es dann weitergeht, kommt mir in den Sinn den Preis auszuhandeln. „30 rupees, Sir.“ Ich muss rasch nachrechnen, es dauert. „Ok Sir, 25 rupees.“ Nachts wenn ich im Taxi heimfahre, werde ich all die Rikscha-Fahrer am Strassenrand schlafen sehen und mich freuen, meinem Fahrer 100 Rupien gegeben zu haben.

Als ich das Hotel betrete steht eine Kuh in der Lobby. Niemand scheint sich Gedanken zu machen, also verhalte auch ich mich als sei dies absolut normal. Als ich meinen Schlüssel wieder abgebe kann ich mir die Frage nicht verkneifen. „Sir, we are sorry. The cow will be out very soon.“

Am späten Nachmittag fühle ich mich bereits wie ein alter Hase in Indien. Ich habe das Rote Fort erklommen, bin durch die Altstadt gelaufen und stehe nun vor der riesigen Moschee Shah Jahans. Der Ausblick über die Altstadt ist gewaltig. Die Engländerin aus dem Flugzeug taucht plötzlich auf. „Oh my God, this is so different!“ Das Strahlen in ihrem Gesicht ist aber verschwunden. Wir einigen uns auf ein gemeinsames Abendessen am Connaught Place. Das Tuk Tuk steckt kurz nach Abfahrt im Feierabendstau. Von überall lärmt es, Fahrer gestikulieren, unser Tuk Tuk ist hilflos eingequetscht in der Menge der Fahrzeuge. Ich beginne Indien zu geniessen, ein Lächeln huscht über mein Gesicht.

Hast du Lust auf Indien bekommen? Tobias und seine Kollegen beraten dich gerne in deinem STA Travel Reisebüro in der Schweiz, Deutschland oder Österreich.

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5 Kommentare

  1. Maraike Reimer 20. August 2010 at 16:03

    Ganz genau die selben Vorurteile wie Du hatte ich auch. Nach deinem Artikel bin ich nun aber auch neugierig auf das Land, in dem Kühe in der Hotellobby stehen! Danke für die Inspiration!

  2. Christiane 20. August 2010 at 22:42

    Genau so habe ich es auch erlebt. Ich war gerade 9 Monate in Delhi und gehe demnächst wieder zurück. Es ist Leuten hier schwer zu beschreiben, was mich so an diesem Land fasziniert, dass ich wieder zurück will. Der Lärm, die schlechte Luft,… Aber am besten man probiert es selbst aus! Denn Indien ist voller Reichtum und schönen Überraschungen. Gute Reise!

  3. Moni 24. August 2010 at 12:56

    Danke Tobi, für den tollen Bericht, ich habe immer noch ein lächeln im Gesicht, und hoffe auf weitere Geschichten von dir. Und übrigens, ich möchte schon lange mal nach Indien. Liebe Grüsse aus Zürich, Moni

  4. Sari 26. August 2010 at 12:50

    Ist es wirklich okay den leuten mehr als 3 mal so viel zu zahlen als sie verlangen? in anderen armen laendern habe ich die erfahrung gemacht das die dann nach hause gehen und den rest des tages nicht mehr arbeiten, (oder des monats :D) oder von da an immer ueberteuerte preise nehmen…. verdierbt mann so nicht den ganzen nationalen-preis-markt?

  5. Tobias 26. August 2010 at 13:17

    hallo sari,
    danke für deinen kommentar! du erwähnst etwas was wirklich zu beachten ist. auf jeden fall, man sollte sich an preise halten und nicht übermässig trinkgeld geben, dafür bin ich absolut auch. aber in diesem fall musste ich eine ausnahme machen: 100 rupien sind knapp 3 chf/2eur, mein fahrer hatte natürlich kein wechselgeld und die 100 rupien aktuell meine kleinste note. das ist natürlich schlechte vorbereitung meinerseits – aber wie erwähnt war das ja mein erster tag in indien. ich habe danach dazugelernt… :)

Kommentare

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